Was verbindet die Menschen in Europa

Am 5. Dezember hatte der Europaverein den Autor und Publizisten Stefan Alexander Entel zu Gast. Er sprach über den "Weg aus der Krise".

ESCHWEILER Europa – ein rein geographischer Begriff oder eine Gemeinschaft von Menschen, die auf einem kulturellen Erbe basiert? Eine Frage, die nicht zuletzt die Mitglieder des Europavereins „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft“ (GPB) umtreibt.

Glücklicherweise befinden sich die GPB’ler bei der Suche nach einer Antwort nicht einsam auf weiter Flur. Auf Einladung der Verantwortlichen um den Präsidenten Peter Schöner und der Geschäftsführerin Annelene Adolphs sprach nun im Hotel de Ville mit dem Autor und Publizisten Stefan Alexander Entel, Gründer der im Großherzogtum Luxemburg ansässigen Gesellschaft „Media for Europe“, ein „Europaenthusiast“ unter der Überschrift „Rückbesinnung auf die gemeinsamen kulturellen Bestände – ein Weg aus der Krise?“ und warf dabei durchaus kritische Blicke auf die aktuelle Situation und die Entwicklung innerhalb der Europäischen Union.

„Was verbindet die Menschen mit und in Europa? Ist es die Kultur?“, startete der im ostbelgischen Eupen lebende Redner seinen Vortrag mit Fragen, die der Jurist selbst (schmunzelnd) berufstypisch beantwortete. „Kommt darauf an, ob unter dem Begriff Kultur die sogenannten ‚schönen Künste’ gemeint sind oder die Philosophie und politische Kultur, aus denen ein Wertekanon entstanden ist.“

Ehemaliger Okzident

Der Kontinent, der vom Atlantik bis zum Ural reiche, habe zu keiner Zeit eine geistig-kulturelle Einheit dargestellt. In unseren Breitengraden seien wir aber inzwischen daran gewöhnt, Europa mit dem ehemaligen Okzident, also Westeuropa oder der heutigen Europäischen Union gleichzusetzen. „Doch die EU ist eindeutig mehr als ein Binnenmarkt. Schließlich leben Menschen nicht in Märkten, sondern in Gemeinschaften“, so Stefan Alexander Entel. Fundamente des Zusammenlebens von mehr als 500 Millionen Menschen seien vor allem Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit. „Doch Demokratie bedeutet mehr als die Existenz eines Parlaments und das Abhalten freier Wahlen. Sie ist eine Lebensform, die sich im Respekt vor dem Mitmenschen ausdrückt“, so der Autor, der gemeinsam mit Karl-Heinz Lambertz, amtierender Präsident des Ausschusses der Regionen der EU und ehemaliger Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, das Buch „Von Eupen nach Europa“ als Plädoyer für eine föderale und regionale EU verfasste. Um so erschreckender sei die Tatsache, dass auch innerhalb der Europäischen Union immer weniger Menschen für die Demokratie einstünden. Stattdessen feiere der Nationalismus fröhliche Urständ. In Ländern wie Polen oder Ungarn seien Wortschöpfungen wie „illiberale Demokratie“ im Umlauf. Doch hinter diesem Begriff stehe die Einschränkung von Menschenrechten. „Wenn Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban als ‚kleinen Diktator’ begrüßt, glaube ich nicht, dass dies scherzhaft gemeint ist“, merkte der Publizist an.

Doch auch die Wortwahl Angela Merkels ist für Stefan Alexander Entel bedenklich. „Die Rede von einer ‚marktkonformen Demokratie’ zeugt für mich von einem merkwürdigen Demokratieverständnis!“ Ein Gemeinwesen sei in keiner Weise mit einem Wirtschaftskonzern gleichzusetzen. Damit die Europäische Union nicht weiterhin in der Wahrnehmung der Menschen Legitimität verliere, müssten Werte zum Maßstab der Politik gemacht werden. „In dieser Hinsicht macht mir die Leichtfertigkeit, mit der wir Werte, die durchaus auch der christlichen Tradition Europas entspringen, einem herrschenden Zeitgeist opfern, große Sorgen“, äußerte der Referent Bedenken. Natürlich herrsche das Grundrecht auf Religionsfreiheit. „Doch dem Gedanken, dass unter diese Religionsfreiheit auch die Scharia fällt, widerspreche ich entschieden. Der Respekt vor anderen Religionen darf nicht dazu führen, die eigene religiöse Kultur zu verleugnen“, betonte Stefan Alexander Entel. Stichwort: Lichterfest statt Sankt-Martins-Umzug.

Während der anschließenden Diskussion äußerten Zuhörer ihr Unverständnis, dass beim Thema Brexit oder den Entwicklungen in Polen und Ungarn die Begriffe Werte und geistig-kulturelles Erbe überhaupt keine Rolle spielten. Bereits zur Eröffnung des Abends hatte GPB-Präsident Peter Schöner die Frage in den Raum gestellt, ob die Politik überhaupt noch die Richtlinien bestimme oder ob dies nicht längst von der Wirtschaft getan werde. „Wenn wir unsere Werte ständig relativieren, was bleibt dann noch vom geistigen Fundament übrig?“, so die rhetorische Frage Stefan Alexander Entels, der seine Bestandsaufnahme mit sehr kritischen Worten abschloss. „Wir bilden eine Gesellschaft ohne Visionen und hinterlassen eine Generation ohne Perspektive!“ Gibt es einen Hoffnungsschimmer? „Meiner Meinung nach benötigen wir eine zweite Epoche der Aufklärung. Und warum stellen wir nicht einmal die Gemeinsamkeiten innerhalb Europas in den Vordergrund, statt immer nur das Trennende?“

 

Artikel als Pdf herunterladen.